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Von 12 Tools zu einem System: Ein Praxisbeispiel

Ben Oestreich

5. Februar 2026 · 9 Min. Lesezeit

Von 12 Tools zu einem System: Ein Praxisbeispiel

*Hinweis: Dieses Praxisbeispiel basiert auf realen Kundenprojekten. Unternehmensname und einzelne Details wurden zum Schutz unserer Kunden anonymisiert.*

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12 Mitarbeitende. 9 SaaS-Tools. 1.280 Euro monatliche Softwarekosten. Und ein Team, das gefühlt mehr Zeit mit Tool-Verwaltung verbrachte als mit Kundenarbeit. So sah der Alltag einer Digitalagentur aus, bevor sie sich entschied, alles auf ein System umzustellen.

Das Ergebnis nach der Umstellung: Ein System. 95 Euro pro Monat. Null Stunden manueller Datenabgleich. Diese Geschichte zeigt, wie der Weg dahin aussah, was es gebraucht hat und welche Learnings andere Agenturen daraus mitnehmen können.

Die Ausgangslage: 9 Tools für 12 Menschen

Die Agentur, nennen wir sie "Agentur Alpha", ist eine typische Digitalagentur im DACH-Raum. 12 Mitarbeitende, spezialisiert auf Webentwicklung und Online-Marketing. Solides Wachstum, gute Kunden, ein engagiertes Team.

Über die Jahre hatte sich folgender Tool-Stack angesammelt:

Tool: HubSpot CRM (Starter) | Zweck: Lead-Management, Kontaktverwaltung | Monatliche Kosten: 180 EUR Tool: Asana (Business) | Zweck: Projektmanagement | Monatliche Kosten: 130 EUR Tool: Harvest | Zweck: Zeiterfassung | Monatliche Kosten: 85 EUR Tool: Lexoffice | Zweck: Buchhaltung, Rechnungen | Monatliche Kosten: 35 EUR Tool: Slack (Pro) | Zweck: Interne Kommunikation | Monatliche Kosten: 85 EUR Tool: Google Workspace | Zweck: E-Mail, Docs, Drive | Monatliche Kosten: 140 EUR Tool: Calendly (Teams) | Zweck: Terminbuchung | Monatliche Kosten: 95 EUR Tool: Zapier (Professional) | Zweck: Automatisierung | Monatliche Kosten: 50 EUR Tool: Monday.com | Zweck: Ressourcenplanung | Monatliche Kosten: 80 EUR Tool: Diverse kleinere Tools | Zweck: Verschiedenes | Monatliche Kosten: ca. 400 EUR Tool: Gesamt | Monatliche Kosten: 1.280 EUR/Monat

Das sind 15.360 Euro im Jahr. Für eine Agentur mit 12 Leuten, die die meisten Features dieser Tools nicht einmal nutzte.

Der Alltag: Ein typischer Tag bei Agentur Alpha

Um zu verstehen, warum die Umstellung nötig war, lohnt ein Blick auf den Alltag. So sah ein typischer Montag der Projektmanagerin aus:

8:00 Uhr: Slack öffnen. Nachrichten vom Wochenende durchgehen. In drei verschiedenen Channels wird über dasselbe Projekt gesprochen. Wer hat den aktüllen Stand?

8:30 Uhr: HubSpot öffnen. Zwei neü Leads sind reingekommen. Informationen manuell prüfen. Dann in Asana ein neüs Projekt anlegen, falls der Lead qualifiziert ist. Notizen aus HubSpot in Asana kopieren.

9:00 Uhr: Asana öffnen. Tasks für die Woche prüfen. Aber die Zeitschätzungen stehen in Harvest, nicht in Asana. Also Harvest öffnen, Zeiten vergleichen. Das Google Sheet mit der Ressourcenplanung aktualisieren. Ups, die Daten in Monday.com stimmen nicht mit dem Sheet überein. Abgleichen.

10:00 Uhr: Ein Kunde fragt nach dem Projektstatus. Die Informationen stehen teils in Asana, teils in Google Drive, teils im Slack-Channel. 20 Minuten Recherchearbeit für eine einfache Status-Mail.

11:00 Uhr: Rechnungen erstellen. Zeiten aus Harvest exportieren. In Lexoffice die Rechnung manuell anlegen. Prüfen, ob alle Positionen stimmen. Die Zeiteinträge in Harvest stimmen nicht mit den Projektphasen in Asana überein. Rückfragen an das Team.

14:00 Uhr: Weekly Meeting. Das Dashboard mit den KPIs soll präsentiert werden. Aber das Dashboard ist ein Google Sheet, das manuell befüllt wird. Freitagabend hat niemand die Zahlen aktualisiert. Also schnell nachziehen: Umsatzzahlen aus Lexoffice, Pipeline aus HubSpot, Auslastung aus Harvest, Projektstatus aus Asana.

16:00 Uhr: Ein Zapier-Workflow ist fehlgeschlagen. Seit drei Tagen werden neü Leads nicht mehr automatisch von HubSpot nach Asana übertragen. Niemand hat es bemerkt. Drei Leads müssen manuell nachgepflegt werden.

Das ist kein Extrembeispiel. Das ist Agenturalltag in Deutschland. Tag für Tag, Woche für Woche.

Der Wendepunkt

Der Wendepunkt kam an einem Freitagabend. Die Geschäftsführerin sass um 19 Uhr noch im Büro und versuchte, die Zahlen für ein Investorengespräch zusammenzustellen. Drei Stunden für etwas, das in fünf Minuten erledigt sein sollte.

In diesem Moment wurde klar: Das Problem waren nicht die Mitarbeitenden. Das Problem war nicht mangelnde Disziplin bei der Datenpflege. Das Problem war das System. Oder besser: das Fehlen eines Systems.

Die Entscheidung fiel: Kein weiteres Tool. Keine weitere Zapier-Automatisierung. Sondern ein System, das alle Prozesse der Agentur in einer Anwendung abbildet.

Der Prozess: Von der Analyse bis zum Go-Live

Phase 1: Analyse (Woche 1-2)

In einem Workshop wurden sämtliche Prozesse der Agentur dokumentiert. Nicht die Wunschprozesse, sondern die realen Abläufe. Jeder Medienbruch, jeder manuelle Schritt, jede Excel-Brücke wurde erfasst.

Das Ergebnis war eine Prozesskarte, die deutlich machte, wo die größten Zeitfresser lagen: - Lead-zu-Projekt-Übergabe: 45 Minuten pro Lead - Woechentliches Reporting: 4-5 Stunden - Rechnungserstellung: 3 Stunden pro Woche - Datenabgleich zwischen Tools: 6-8 Stunden pro Woche

In Summe: Über 15 Stunden pro Woche für reine Verwaltung. Bei einer Agentur mit 12 Leuten ist das mehr als eine volle Arbeitskraft, die nur damit beschäftigt ist, Daten zwischen Tools hin- und herzuschieben.

Phase 2: Konzept (Woche 2-3)

Basierend auf der Analyse wurde ein System konzipiert, das folgende Bereiche abdeckt:

  • CRM: Lead-Erfassung, Qualifizierung, Pipeline-Management
  • Projektmanagement: Aufgaben, Meilensteine, Kanban-Boards
  • Zeiterfassung: Direkt an Projekte und Aufgaben gekoppelt
  • Rechnungswesen: Automatische Rechnungserstellung basierend auf erfassten Zeiten und Projektmeilensteinen
  • Reporting: Echtzeit-Dashboard mit allen relevanten KPIs
  • Kundenkommunikation: Kundenportal für Status-Updates und Dateifreigaben

Kein Feature wurde eingebaut, das nicht direkt aus einem dokumentierten Prozess abgeleitet wurde. Kein "Das könnte man mal brauchen". Nur das, was die Agentur tatsächlich täglich nutzt.

Phase 3: Entwicklung (Woche 3-7)

Die Entwicklung erfolgte iterativ. Alle zwei Wochen wurde ein fertiger Teilbereich präsentiert und vom Team getestet. Feedback floss direkt in die nächste Iteration ein.

Die Reihenfolge war bewusst gewählt: 1. CRM und Lead-Management (höchste Priorität, da umsatzrelevant) 2. Projektmanagement und Zeiterfassung (Kernprozesse) 3. Rechnungswesen (Automatisierung mit hohem Zeitsparpotenzial) 4. Reporting und Dashboard (Gesamtüberblick) 5. Kundenportal (Kundenerlebnis)

Phase 4: Migration und Go-Live (Woche 7-8)

Die Datenmigration war der sensibelste Teil. Alle bestehenden Daten mussten sauber in das neü System überführt werden: - 2.400 Kontakte aus HubSpot - 180 aktive und archivierte Projekte aus Asana - 14 Monate Zeiterfassungsdaten aus Harvest - Alle relevanten Dokumente aus Google Drive

Das Team wurde in einer einstündigen Schulung eingewiesen. Der Go-Live erfolgte an einem Montag. Parallel liefen die alten Tools noch eine Woche mit, für den Fall, dass etwas fehlte. Nach einer Woche wurden sie abgeschaltet.

Das Ergebnis: Vorher vs. Nachher

Kategorie: Anzahl Tools | Vorher: 9 SaaS-Tools + diverse Kleine | Nachher: 1 System Kategorie: Monatliche Kosten | Vorher: 1.280 EUR | Nachher: 95 EUR (Hosting + Wartung) Kategorie: Jährliche Kosten | Vorher: 15.360 EUR | Nachher: 1.140 EUR Kategorie: Ersparnis pro Jahr | Nachher: 14.220 EUR Kategorie: manuelle Datenpflege | Vorher: 15+ Stunden/Woche | Nachher: 0 Stunden Kategorie: Reporting-Aufwand | Vorher: 4-5 Stunden/Woche | Nachher: Echtzeit (0 Stunden) Kategorie: Lead-zu-Projekt-Übergabe | Vorher: 45 Minuten | Nachher: 2 Minuten Kategorie: Rechnungserstellung | Vorher: 3 Stunden/Woche | Nachher: Automatisch Kategorie: Onboarding neür MA | Vorher: 2-3 Tage (Tools lernen) | Nachher: 0,5 Tage Kategorie: DSGVO-Status | Vorher: Grauzone (US-Anbieter) | Nachher: Konform (DE-Server) Kategorie: Datenhoheit | Vorher: Bei 9 Anbietern verteilt | Nachher: 100% beim Unternehmen Kategorie: Vendor Lock-in | Vorher: Hoch | Nachher: Keiner

Die Zahlen sprechen für sich. Aber was in keiner Tabelle steht: Die Stimmung im Team hat sich fundamental verändert. Kein Frust mehr über nicht synchronisierte Daten. Keine Diskussionen mehr darüber, welches Tool für was genutzt wird. Keine Angst mehr vor Zapier-Ausfällen.

Was Agentur Alpha heute anders macht

Sechs Monate nach dem Go-Live hat sich der Arbeitsalltag grundlegend verändert:

Morgens: Ein System öffnen. Dashboard zeigt Pipeline, laufende Projekte, Auslastung und offene Rechnungen auf einen Blick. In zwei Minuten weiss die Geschäftsführung, wie das Unternehmen steht.

Projektstart: Neüs Projekt anlegen daürt 2 Minuten. Alle Standard-Aufgaben werden automatisch erstellt. Der Kunde bekommt automatisch Zugang zum Kundenportal. Das Onboarding-Formular wird verschickt. Kein manueller Schritt.

Projektarbeit: Zeiten werden direkt an der Aufgabe erfasst. Kein Wechsel in ein anderes Tool. Budget-Verbrauch wird in Echtzeit angezeigt. Bei 80 Prozent Budget-Verbrauch geht automatisch eine Warnung raus.

Monatsende: Rechnungen werden automatisch generiert. Basierend auf den erfassten Zeiten und den vereinbarten Konditionen. Die Geschäftsführung prüft und gibt frei. Ein Klick.

Reporting: Gibt es nicht mehr als separaten Prozess. Die Daten sind immer aktüll. Wenn die Geschäftsführung Zahlen braucht, öffnet sie das Dashboard.

Learnings für andere Agenturen

Aus der Erfahrung von Agentur Alpha und vergleichbaren Projekten lassen sich klare Learnings ableiten:

1. Starte mit der Analyse, nicht mit der Lösung

Der größte Fehler wäre gewesen, einfach alle bestehenden Tools in einem neün System nachzubaün. Die Analyse hat gezeigt, dass viele der bestehenden Workflows unnötig kompliziert waren, weil sie sich an die Limitierungen der Tools angepasst hatten. Im neün System wurden Prozesse vereinfacht, nicht nur digitalisiert.

2. Weniger ist mehr

Agentur Alpha hat bewusst auf viele Features verzichtet, die in den vorherigen Tools vorhanden waren. Kein Gantt-Chart, weil es niemand nutzte. Kein Social-Media-Scheduling, weil es ein anderer Bereich ist. Nur die Funktionen, die im Tagesgeschäft wirklich gebraucht werden.

3. Das Team früh einbinden

Die Mitarbeitenden wurden ab Phase 1 in den Prozess einbezogen. Sie wussten, warum die Umstellung passiert, konnten Feedback geben und hatten das Gefühl, das neü System mitzugestalten. Das hat die Akzeptanz enorm gesteigert.

4. Migration sauber planen

Datenmigration ist kein Nebenthema. Sie braucht einen klaren Plan: Welche Daten werden übernommen? In welchem Format? Wie wird die Qualität geprüft? Die saubere Migration hat verhindert, dass nach dem Go-Live Chaos ausbricht.

5. Den alten Tools eine Deadline geben

Die alten Tools liefen noch eine Woche parallel. Danach wurden sie abgeschaltet. Hart, aber nötig. Denn solange das alte System noch verfügbar ist, nutzt das Team es auch. Der klare Schnitt war wichtig für die vollständige Umstellung.

6. Kosten ehrlich vergleichen

Die 1.280 Euro pro Monat waren nur die direkten SaaS-Kosten. Die indirekten Kosten, 15 Stunden pro Woche manuelle Verwaltung, Fehlerkorrektur, verlorene Leads durch Zapier-Ausfälle, waren ein Vielfaches davon. Wer den ROI einer solchen Umstellung berechnet, muss beide Seiten betrachten.

Ist das auch für deine Agentur möglich?

Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an. Nicht jede Agentur braucht eine vollständige Systemumstellung. Manche kommen mit ihrem Tool-Stack zurecht. Manche haben nur zwei oder drei Tools und wenig Reibungsverluste.

Aber wenn du dich in der Geschichte von Agentur Alpha wiederfindest, wenn du mehr als 5 SaaS-Tools nutzt, wenn dein Team regelmässig Daten zwischen Systemen hin- und herschiebt und wenn dein Reporting mehr als eine Stunde pro Woche kostet, dann lohnt sich zumindest ein genaür Blick.

Die Kosten für ein massgeschneidertes System amortisieren sich bei den meisten Agenturen innerhalb von 6 bis 12 Monaten, allein durch die eingesparten SaaS-Kosten. Die gewonnene Zeit und die verbesserte Datenqualität kommen oben drauf.

Fazit

Agentur Alpha hat den Schritt gewagt. Von 9 SaaS-Tools und 1.280 Euro Monatsbeitrag zu einem System für 95 Euro. Von 15 Stunden manueller Verwaltung pro Woche zu null. Von einer DSGVO-Grauzone zu voller Compliance auf deutschen Servern.

Der Weg dahin hat 8 Wochen gedaürt. Die Investition hat sich nach 7 Monaten amortisiert. Und die Geschäftsführerin sitzt freitags nicht mehr um 19 Uhr im Büro, um Zahlen zusammenzusuchen.

Die Tool-Landschaft deiner Agentur ist kein unverrückbarer Zustand. Sie ist eine Entscheidung. Und du kannst dich jederzeit anders entscheiden.

Ben Oestreich

Prozessfaktor

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